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Generation Y als Generation Wurmfortsatz?

Gegenmeinung Generation Y im Upyama Blog Green Lifestyle

„Guck mich an, ich bin präsenter als du, sammele mehr Likes, lebe gesünder, umweltfreundlicher, biologischer und veganer als du und bin trotzdem cooler […]“. In etwa kommt das hin, ja. Ich muss schmunzeln, als ich unter dem Artikel von Milosz Matuschek das Bild des weißen Plastikstuhls sehe mit dem er unsere Generation vergleicht – gewöhnlich, austauschbar, konformistisch. Ich wende den Blick ab vom Tablet, herunter zu den vier schnörkellosen weißen Beinen, die mich stützen. Ich muss sagen es sitzt sich gut auf diesem 0815-Plastikstuhl hier in der Sonne auf meinem Balkon an diesem herrlichen vierten April. Deshalb nehme ich Herrn Matuschek auch nicht übel, dass er mit seinem Beitrag einer ganzen Generation mal eben morgens 06:00 MEZ eine satte Ohrfeige verpasst hat. Und das obwohl Herr Matuschek selbst haarscharf in, oder wie er sicher beanstanden würde, aus der Generation Y zu fallen scheint. Aber wie ich schon an der Uni gelernt habe, mit Juristen legt man sich nicht an. Ich sollte mich auf die harten Fakten konzentrieren, aber Konzentration, das fällt mir ja offenbar schwer als Mitglied der Millennials. Und generell muss es doch eher ein Schlag in die Magengrube, an Stelle einer Ohrfeige gewesen sein. Das würde mein Unwohlsein in dieser Region zumindest erklären.

Bohème oder Biedermeier

Heute, da ich meine Gedanken über „Generation Fake“ niederschreibe, regnet es. Der weiße Plastikstuhl vor dem Fenster gibt plötzlich ein recht nüchternes Bild ab. Das liegt sicher daran, dass meine Grundstimmung mies ist, schließlich arbeite ich hier, oder ich nenne es Arbeit, und das liegt mir bekanntermaßen nicht als Ypsiloner.

Der moralische Tiefschlag setzte an einem Punkt an, an dem ich gut und gerne mit der Meinung des Autors konform gehe. (Wir elendigen Konformisten!) Das Label der digitalen Bohème beißt sich mit der Generation Y und auch ich dachte spontan eher an Biedermeier. Der Rückzug ins Innere charakterisiert uns tatsächlich, so meine Empfindung. Auf die darf ich hören, bin ich doch Mitglied des Inner Circle. Warum sollte eine ganze Generation auch gegen das Gutbürgerliche streben? Bohème war immer bloße Subkultur, fast ein Privileg weniger. Biedermeier hingegen beschreibt eine Epoche. Die Suche nach Idylle ist dabei vorrangig und ganz und gar nicht verwerflich. Auch heute nicht. Zudem findet sich hier sogar eine Art Deckungspunkt zwischen Bohème und Biedermeier – die Selbstverwirklichung, die bloß unterschiedliche Formen der Ausführung annimmt. Herr Matuschek macht aber leider einen Fehler, indem er die gesamte GenY als selbsternannte digitale Bohème verurteilt. Jener Begriff bezieht sich schließlich nur auf eine enge Gruppe von Berliner Freischaffenden in der Medienbranche, die jedoch sicher als Vorbild für viele dienen dürften.

Zwischen den Stühlen

Warum ist aber das Streben nach persönlicher Freiheit scheinbar so ablehnungswürdig? Die Generation Y sei nicht Fisch, nicht Fleisch. Als Kreuzung von 68ern und Babyboomern, was die Sache genetisch betrachtet wahrscheinlich sogar trifft, stehen sie zwischen den Stühlen. Ihnen wird vorgeworfen zwischen Weltveränderung und Selbstverwirklichung zu pendeln. Ich sage, das tun wir durchaus, aber es lässt sich vereinen. Kann doch Selbstverwirklichungszweck sein die Welt zu verändern, auch wenn es aus Egozentrik heraus geschieht, zugespitzt formuliert aus Selbstsucht. Das Spenden fürs gute Gewissen und vegane Ernährung aufgrund des Gesundheitseffekts – ich sage, auch das darf, solange die gute Sache doch das Endprodukt bleibt.

Wir verdanken Boomern und 68ern viel. So viel, dass uns keine große Vielfalt an Veränderungswürdigem mehr geblieben zu sein scheint. Die Errungenschaften der vorangegangenen Generationen ermöglichen es uns den Lebensstil zu führen, für den sie gekämpft haben. Biedermeier könnte sich nun ins Idyll zurückziehen, doch entgegen Matuscheks Logik begehren die Digital Natives durchaus auf. Das Streben nach besseren Arbeitsbedingungen ist nicht der Luxus, wie er oft beschrieben wird. Es ist unsere Form der Weltverbesserung. Dies als minderwertig zu deklarieren ruft in mir das Bild von Großeltern hervor, die mahnend skandieren: „Wir haben damals noch Ideale gehabt!“ Uns wird vorgeworfen nur noch zu kopieren, dabei ist es gar nicht so leicht heute Neues für sich zu beanspruchen. Alles war schon einmal da. Und das ist gut, zeugt es doch von einer steilen Lernkurve. Dieser exponentielle Wissensanstieg der letzten 160 Jahre katapultierte unsere Generation förmlich in einen Zustand der Maslowschen Bedürfnis-Vollbefriedigung. Uns geht es körperlich gut, wir haben keine Angst um Leib und Leben und unser Soziales Netz ist auch recht stabil. Was nun? Klar wir haben Zeit uns erst mal um uns selbst zu kümmern und damit aber über kurz oder lang einen Weg hin zur Selbstverwirklichung zu finden. Den Individualbedürfnissen ist für die Generation Y die Selbstverwirklichung jedoch immanent. Es charakterisiert uns im Kleinen zu agieren, um Großes zu erreichen.

Das Internet macht die Kopie salonfähig

Allem voran steht das Internet. Es sei ein Medium der Trägheit. Ich stimme teils zu und lehne teils ab. Es erleichtert unseren Alltag enorm. Wissensbeschaffung wurde durch Wissensverwaltung abgelöst. (Schulen, die von ihren Schülern deshalb noch immer abverlangen Hausaufgaben auf Recherche-Basis anstatt logischem selbständigem Denken anzufertigen, sollte ganz nebenbei der Lehrauftrag entzogen werden.) Das Internet als Nachahmungsraum zu diskreditieren ist dabei sehr einseitig gedacht, finden doch vor allem Neuheiten hier eine Plattform. Die Lernkurve des Wissens steigt exponentiell und das gerade weil wir auf diesen großen Wissensschatz zurückgreifen und unsere Hirnareale somit anderweitig nutzen können. Deshalb sind bspw. auch die Forderungen der Generation Y nach flexibleren Arbeitsbedingungen entstanden und durchaus gerechtfertigt. Die heutigen wirklich relevanten Entscheidungen werden nicht mehr steif hinter Monitoren sitzend getroffen. Es geht schon lange nicht mehr um ja oder nein, sondern um komplexe Sachverhalte, die ein kreatives flexibles Arbeitsumfeld fordern.

Sicher bietet das Internet auch Personen einen Raum, in dem sie vorgeben etwas zu sein. Einen Raum in dem mit Extremen gespielt wird und Kopien also salonfähig gemacht werden. Dadurch dass es jeder zu tun scheint, wird es zur Norm. Doch der Inhalt verliert mit Nichten an Bedeutung, wie es Matuschek behauptet. Die Pose mag zwar belohnt werden, doch ist dieses ganze Szenario der ausufernden Selbstdarstellung doch die eigentliche Subkultur. Indem Herr Matuschek ihr derart Bedeutung beimisst hebt er sie quasi in den Rang der Macher, deren Fehlen er so schmerzlich beklagt. Dabei gibt es sie wohl, die Macher, die wirklichen. Nur haben die Denker und Macher unserer Generation aller Wahrscheinlichkeit nach zu viel um die Ohren. Sie agieren demnach evtl. im Hintergrund, dem Ort für den Matuschek offensichtlich wenig übrig hat. Alles was offensiv ins Auge hüpft sind jedoch die Mitglieder der Millennials mit denen sich der Artikel beschäftigt. Da wiederum bin ich ganz beim Autor.

Das wirkliche Problem der Generation Y

Ronja von Rönne, die auf ihr von nicht aufgrund des Titels besteht, sondern weil sie sonst nach Rudi Rüssel dem Rennschwein klingt, sei laut Matuschek das It-Girl unserer Generation. Die Springer-Journalistin vereint durchaus einige treffende Eigenschaften der GenY in sich. Ihre Maske der Coolness trägt sie so lang souverän, bis sie durch Patzer in der eigenen Argumentation Risse der Unzulänglichkeit bekommt. Unzulänglichkeit jedoch vorrangig in Hinblick auf die eigenen Ansprüche, das eigens kreierte Bild, das aufrecht erhalten werden soll. Coolness als Credo, das auf den ersten Blick beeindruckt, aber doch schnell Mitleid mit der Person hervorruft, die so verzweifelt unflexibel mit der eigenen Außenwirkung umgeht, dass sie sich weigert bei einem Auftritt im Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann ein Klamauk-Spiel zu spielen. Das ist kein Statement mehr, es ist Scham.

Aber diese Scham ist bezeichnend für die Generation Y und den kritisierenden Matuschek in gleichem Maße. Wir scheinen da ein Bild aufrecht erhalten zu wollen, dass keine Beständigkeit hat. Der erste kritische Windhauch enthüllt die Wunschvorstellung bloß etwas sinnvolles sein zu wollen. Denn die Berechtigung, die hat offenbar kaum jemand. Wird doch ständig gemosert, gemeckert, kritisiert. Statt zu loben, anzuerkennen was gut ist, scheint nur derjenige etwas tun zu dürfen, der es entwickelt/entdeckt/erfunden hat. Nachahmung des Mehrheitsverhaltens wird bemängelt. Exakt das ist jedoch Voraussetzung für das soziale Gefüge. Ähnlichkeiten binden und sichern ganz nebenbei seit Jahrmillionen das Überleben. Mein Beitrag zum aufgeklärten Absolutismus befasst sich zufällig mit der gleichen Missgunst-Thematik. Ich als passiver Revoluzzer muss also Milosz Matuschek erneut zustimmen, wenn er behauptet die Form kolonisiert den Inhalt. Die Art und Weise wie wir etwas tun scheint leider auch für Herrn Matuschek bedeutender zu sein, als die Tat selbst. Würde das Richtige auf (subjektiv) falschem Wege erreicht, wäre es schlussendlich das Falsche. Mich jedoch auch hierzu noch auszulassen, dazu fehlt es mir schlichtweg an Konzentration…gähn!

Bildquelle: @André Franke / Fotolia.com

2Kommentare

  1. […] in der Zeit in der 17:30 das Abendessen auf dem Tisch stehen muss – wir leben in einer Zeit der Selbstverwirklichung und das kann im privaten Bereich jeder so, wie es ihm gut tut. Also denken Sie daran: Neben 9 […]

  2. […] impulsiven Menschen oder in starren Strukturen arbeiten. Hier kommt wieder das Wirken und Leben der Generation Y ins Spiel. Und nachdem die Arbeitsstrukturen schon längst bei Scrum und KANBAN angelangt sind ist […]

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