zurück zur Übersicht
Allgemein

Die Mär von der Milch

Milch auf Upyama

All diejenigen unter euch, die an dieser Stelle ein flammendes Plädoyer gegen die Milchwirtschaft und das abgrundtief Böse dahinter erwartet haben seien noch eine Weile vertröstet. Dessen kann ich mich erst wieder annehmen sobald ich neue Alufolie kaufen war. In der Zwischenzeit müsst ihr wohl oder übel Vorlieb hiermit nehmen. Während der Recherchen zu meinem Beitrag zum Thema Calcium stieß ich neben Seiten, bei denen ein wissenschaftlicher Background angenommen werden konnte, auch auf jene, die schon durch ihre Wortwahl aus dem Rahmen fielen. Seiten, die Gehirnwäsche vorwerfen aber genau das betreiben.

Der Zusammenhang zwischen Calcium, Protein und Osteoporose

Die häufig verbreitete Meinung von Veganern ist die, das es einem positiv proportionalen Zusammenhang zwischen der Zufuhr von tierischem Protein und dem Risiko für Knochenbrüche und Osteoporose gebe. Die Begründung hierfür liege in schwefelhaltigen Aminosäuren, die in tierischen Proteinen vorkommen und das Blut übersäuern, was durch Auslagerung des Knochen-Calciums vom Körper ausgeglichen werde und so zu Calciummangel und längerfristig zu Osteoporose führe. Dass diese Aminosäuren jedoch auch in pflanzlichen Proteinen verschiedener Getreidesorten vorkommen, wird hierbei häufig nicht erwähnt oder nicht bedacht.

Wissenschaftliche Belege, die diesen Zusammenhang wiederspiegeln, finden sich vorrangig in ländervergleichenden Studien. Demnach finden sich in den Ländern, in denen die Aufnahme tierischen Proteins am höchsten war auch die höchsten Hüftfraktur-Raten wieder. Auch der Verzehr von Milchprodukten, also hoher Calciumzufuhr durch die Nahrung, korrelierte positiv mit höheren Hüftbruch-Raten. Außerdem bestätigten experimentelle Studien einen positiven Zusammenhang zwischen Calciumverlust über den Urin und der Aufnahme tierischen Proteins.

Falsche Kausalität und fehlerhafte Interpretationen

Das klingt doch nach was. „Studien belegen …“ bla bla – schon überzeugt! Nun will ich auch den Wissenschaftlern, die an der Erstellung dieser Studien beteiligt waren gar keinen Vorwurf machen. Ich nehme einfach mal an, dass die Erhebungs- und Auswertungsverfahren durchaus Hand und Fuß hatten. Generell haben aber solche ökologischen Studien, wie sie auch bezeichnet werden, zumeist nur eine geringe Aussagekraft in Hinblick auf Kausalitäten. Sie sollten deshalb eher zur Erstellung von Hypothesen herangezogen werden, die dann noch in weiterführenden Studien, bei denen ein Minimum an Bias garantiert werden kann, zu überprüfen sind.

Die Krux bei der Interpretation solcher ländervergleichender Studien ist es nämlich äußere Einflüsse auszuklammern. Was in klinischen Studien möglich ist gestaltet sich aber in der „freien Wildbahn“ als äußerst schwierig. Allein die herangezogenen Daten können keine Vollständigkeit garantieren, sind sie doch meist nur staatlich erhoben und unterliegen somit menschlichem Fehlverhalten. Daten könnten so bspw. verloren, oder schlichtweg nicht protokolliert worden sein.

Asiatische und afrikanische Länder weisen laut jener ökologischer Studien also eine geringere Hüftfraktur-Rate auf als westliche Länder. Dies alleinig auf die Zufuhr tierischen Proteins zurückzuführen klammert aus, dass z.B. die Beckenform der Asiaten anders, als die der Europäer oder Nordamerikaner und somit stabiler ist, wenn der Mensch bei einem Sturz hierauf landet. Eine Studie von einem Herrn Aoyagi und anderen Wissenschaftlern belegte 1998 zudem, dass Asiaten schlichtweg seltener stürzen. Ein weiterer Punkt ist der, dass in den ländervergleichenden Studien auch lediglich die Hüftfrakturen verglichen wurden. Hätte man Wirbelbrüche betrachtet hätten ganz und gar die Asiaten in der Rangliste vorn gelegen. Afrikaner hingegen weisen schon genetisch eine höhere Knochendichte auf als Europäer oder andere Ethnien. Ganz nebenbei sind auch Faktoren wie das Osteoporose-Risiko teils genetisch vorbestimmt und nicht nur auf die Ernährung zurückzuführen. Hinzu kommt noch, dass auch schlichtweg die Größe eines Menschen positiv mit der Häufigkeit für Knochenbrüche korreliert ist, ganz unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit. Mein Lieblingsgrund ist allerding die Korrelation zwischen körperlicher Aktivität, somit verbesserter Knochenmineraldichte, somit verbesserte Balance, ergo weniger Stürze. So einfach können Kartenhäuser in sich zusammenstürzen. Wollten sich Europäer und Nordamerikaner wieder nicht eingestehen, dass sie einfach zu faul sind?

Tatsächliche nachweisbare Zusammenhänge

Wie ihr seht sind die Möglichkeiten schier unerschöpflich, wenn es darum geht bei einer wissenschaftlichen Studie die Fehleranfälligkeit zu erhöhen. Selection, Performance, oder aber Detection Bias – alle Formen tauchen bei unseren ökologischen Studien auf und verzerren so Validität und Aussage der Studie. Gibt es verwertbarere Ergebnisse?

Eine Untersuchung US-amerikanischer Forscher nahm sich die Daten der Framingham Offspring Study zur Hand und betrachtete so zunächst die Ernährungsgewohnheiten von über 1700 Männern und knapp 2000 Frauen alle in einem Alter um die 55. Diese Personen wurden nun 12 Jahre lang auf ihre Hüftfraktur-Rate hin untersucht. Das Ergebnis verblüfft: Die Personen, die die höchste Menge an tierischem Eiweiß zu sich nahmen, aber in Kombination täglich weniger als 800 mg Calcium (empfohlen werden von der DEG 1000 mg/Tag), wiesen eine 2,8fach höhere Fraktur-Rate auf als diejenigen Personen, die die geringste Menge an tierischem Eiweiß zu sich nahmen. Soweit so gut. Die Personen mit dem höchsten Verzehr an tierischem Eiweiß, die aber gleichzeitig auf eine hohe Calciumzufuhr achteten, lagen hingegen mit 85% weniger Frakturen weit vor denjenigen mit dem Verzehr der geringsten Menge an tierischen Eiweiß.

Aussage dieser Studie ist vor allem, dass die Calciumaufnahme den Effekt von Proteinen auf das Knochenbruchrisiko signifikant beeinflusst. Hierbei können jedoch keine Empfehlungen was die Höhe der Proteinmenge, noch was das Verhältnis von tierischem zu pflanzlichem Protein anbelangt, ausgesprochen werden. Ein opportunistischer Paleo-Anhänger könnte diese Daten weiterspinnen, um zu untermauern, dass der Verzehr ausreichender Mengen Fleisch gesünder sei, als der bloße Genuss pflanzlicher Proteinquellen. Da die Studie jedoch nichts über die Calciumaufnahme der Personen, die die geringsten Eiweißmengen zu sich genommen haben, verrät, kann ein solcher Schluss nicht gezogen werden. Entweder es wurde nicht untersucht, oder aber man hat keinen signifikanten Zusammenhang finden können. So geht Wissenschaft!

Mein Fazit?

Jetzt versteht mich aber bitte nicht falsch. Ich vertrete durchaus die Ansicht, dass die Zusammensetzung von Milch artfremder Wesen nicht optimal für die Bedürfnisse des menschlichen Organismus ist. Ich heiße es auch nicht gut, dass die Milchindustrie seit Jahrzehnten Bauernfängerei betreibt und deshalb bspw. Müttern ihren Babys schon von klein auf Kuhmilch an Stelle der für sie zugedachten Muttermilch reichen. Was ich aber außerdem bemängele sind falsche oder fehlerhaft interpretierte Statistiken. Solch gefährliches Halbwissen zu verbreiten macht nicht nur unglaubwürdig, sondern schadet den Menschen, die daran glauben in gesundheitlicher Hinsicht sowie den Tieren, deren tatsächliche Schutzwürdig- und Schutzbedürftigkeit indirekt in Frage gestellt wird.

Bildquelle: @BillionPhotos.com / fotolia.de

Schreibe einen Kommentar